Tradition heißt nicht die Asche aufheben, sondern die Flamme
weiterreichen. (Ricarda Huch)
recht und billig
(Mk 2, 23-26 / 1.Kor 6, 12-20)
Liebe Gemeinde,
ich fange mal ganz praktisch an: Vorletzte Woche habe ich einen Förderantrag abgeschickt. Die Kanzel in Middelhagen soll noch restauriert werden. Drei Seiten Formalitäten, Zustandsbericht und Maßnahmebeschreibung, Dokumentation. Habe ich alles zusammengesucht und eingetütet und dann ab in die Post.
Die Rückmeldung kam drei Tage später. Der Antrag müsse nochmal korrigiert werden. Bei Ort, Datum und Unterschrift sei mir ein Fehler unterlaufen. Und tatsächlich, statt 2026 hatte ich 206 geschrieben. Die 2 fehlte…
Habe ich korrigiert und wieder abgeschickt. Dann habe ich mich ein bisschen geärgert über soviel ‚Krümelkackerei‘. Und dann, dann habe ich den Predigttext für diesen Sonntag gelesen. Und da ist mir aufgefallen: Dieses Erlebnis zeigt genau, worum es in dem Streit der Pharisäer mit Jesus geht.
Den Pharisäern geht es um die genaue Einhaltung der rechtlichen Regelungen. Weil das Zusammenleben in einem Gemeinwesen, das auf klaren rechtlichen Regeln basiert, nur funktionieren kann, wenn sich auch alle daran halten. Dafür muss alles stimmen, auch formal. Das ist grundsätzlich nichts Verwerfliches. Und ich denke, um nichts anderes ging es auch dem Mitarbeiter unseres Verwaltungsamtes, der mich auf meinen Tippfehler aufmerksam gemacht hat.
Und Jesus? – Nun, der stellt diese Rechtsgrundlage auch überhaupt nicht in Frage. Aber er weist darauf hin, welche Gefahr droht, wenn das Recht allein regiert: Das Recht droht, lebensfeindlich zu werden. Und Jesus illustriert das sehr eindrücklich mit dem Hinweis auf David und die Schaubrote, die der Hohepriester Abjatar ihm und seinen hungrigen Leuten gibt: Ja, die Schaubrote sind heilig und dürfen natürlich nicht von jedem gegessen werden. Aber in einer Notsituation muss es möglich sein, anders zu entscheiden, eben damit das Recht nicht lebensfeindlich wird.
Und jetzt wird es richtig spannend. Denn auch für diese Begrenzung des Rechts gibt es einen Rechtsgrundsatz. Den hat schon Aristoteles vor mehr als 2.400 Jahren formuliert. Es gibt ihn bis heute auch im deutschen Recht. Und ich denke, auch ihr werdet ihn kennen. Denn die Formulierung ‚Das ist recht und billig.‘ haben wahrscheinlich die meisten von uns schon mal gehört.
‚Recht und billig‘, das bedeutet: das Recht steht nicht allein. Es ist nicht absolut. Ihm wird vielmehr die Billigkeit zur Seite gestellt. Und ‚billig‘ bedeutet hier nicht, das etwas wenig kostet. Billig bedeutet, dass etwas angemessen ist. Das ist nämlich der ursprüngliche Sinn dieses Wortes.
Und ‚recht und billig‘ heißt dann: Um einer Situation wirklich gerecht zu werden, muss neben dem Recht auch die konkrete Situation berücksichtigt werden. Weil sich erst dann zeigt, ob die Durchsetzung des Rechts in dieser Situation auch angemessen ist oder – auch das ein juristischer Begriff - zu einer unbilligen Härte führt.
Die Billigkeit als Gegenüber zum Recht ist unverzichtbar, wenn das Recht dem Leben dienen soll. Genau darum geht es auch Jesus. Deshalb das Beispiel mit den Schaubroten. Er betont dies ausdrücklich nochmal, wenn er am Schluss sagt: Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht und nicht den Menschen für den Sabbat. Und ich denke, so betrachtet wäre es sicherlich auch recht und billig gewesen, wenn der Mitarbeiter in Kirchenveraltungsamt nicht nochmal ein korrigiertes Formular eingefordert hätte, sondern einfach händisch eine kleine ‚2‘ in den vorliegenden Antrag eingefügt hätte… Denn was dient dem Leben? – Dem Leben dient, was recht und billig ist.
Mit diesem Grundsatz möchte ich nun aber auch auf Paulus und seine Worte an die Gemeinde in Korinth schauen. Denn dort droht die Gefahr genau von der anderen Seite. Dort wird nämlich offenbar die Freiheit von Recht und Gesetz ganz großgeschrieben. Ich darf alles! - so heißt es da. Und diese Freiheit wird von den Korinthern offenbar auch ganz handfest ausgelebt, unter anderem kulinarisch und sexuell.
Und Paulus? – Der stellt diese Freiheit grundsätzlich nicht in Frage. Aber er sieht und sagt klar: auch das ist nicht gut, weil auch das nicht dem Leben dient. Euer Leben soll sich nämlich nicht in persönlichen Beliebigkeiten verlieren, die dann am Ende zu problematischen oder sogar zerstörerischen Bindungen führen. Euer Leben ist vielmehr ein Geschenk Gottes.
Deshalb: lebt euer Leben in Verantwortung vor Gott. Und das geht nur, wenn ihr euch seinen Geboten verpflichtet wisst, also wenn ihr das Recht achtet und ‚recht-schaffend‘ nach ihm lebt. Denn was dient dem Leben? – Dem Leben dient, was recht und was billig ist.
Bleibt am Ende die Frage: Wo stehen wir da heute, als Kirche, als Gesellschaft? Und wo stehe ich ganz persönlich? Nun, der Erfurter Soziologe Hartmut Rosa hat mit diesem Buch gerade eine spannende Positionsbestimmung in dieser Sache vorgelegt. Situation und Konstellation – Vom Verschwinden des Spielraums. So der Titel. Der Spielraum, um den es ihm geht, das ist der Spielraum der Billigkeit, also der Angemessenheit gegenüber dem Recht. Und ich teile seinen Eindruck, dass dieser in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche in den letzten Jahrzehnten immer enger geworden ist.
Alles soll formal richtig sein – besonders beim Geld und bis zur letzten Ziffer. Daran arbeiten wir mit allen uns zur Verfügung personellen Kräften und technischen Mitteln. Aber die Beispiele häufen sich, dass das zu überbordender Bürokratie und ausuferndem Formalismus führt. Das schafft unbillige Härten. Das frustriert. Und das zerstört das Vertrauen, wenn das Ganze am Ende zuweilen sogar skurrile bis absurde Züge annimmt.
Aber: gerade deshalb sollten wir nicht aufgeben, als Bürger nicht und als Christen erst recht nicht: Folgen wir der Botschaft Jesu und kämpfen wir für die Billigkeit, damit das Recht nicht zum lebensfeindlichen Formalismus verkommt, der dem Leben in seiner Vielfältigkeit nicht mehr angemessen zu entsprechen vermag. Aber folgen wir auch Paulus und geben wir das Recht nicht auf, damit die Freiheit, die zu der wir befreit sind, nicht zur lebensfeindlichen Beliebigkeit verkommt. Dafür müssen wir – wie Jesus 8und Paulus damals – im Gespräch bleiben mit denen, die entweder das Recht über alles stellen oder die individuelle Freiheit. Und – wie Jesus und Paulus damals - sollten auch wir die Pharisäer und die Freigeister unserer Zeit nicht verteufeln, sondern zunächst mal davon ausgehen, das auch sie doch eigentlich nur dies wollen: dem Leben dienen.
Dem Leben dient, was recht ist und was billig (also angemessen) ist. Ja, das auszuwägen ist immer wieder eine Herausforderung. Hier immer wieder selber angemessen entscheiden zu müssen, das ist die Freiheit, zu der Christus uns befreit.
Aber wenn ich Jesus und Paulus richtig verstehe, dann ist genau dies der Auftrag, den Gott uns als Menschen im Allgemeinen und als Christen im Besonderen gibt: Denn es ist und bleibt unser Auftrag, dem Leben zu dienen.
Amen
18. Oktober 2026 - Pastor Olav Metz
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